Für die Lebenden – Teil 2: Friends of Zion – Die Gerechten der Nationen

Von Brigitte Chaya Nussbächer.

Trotz Dunkelheit, Judenhass und Verfolgung gab es zu allen Zeiten Menschen in allen Ländern, die außergewöhnlichen Mut an den Tag legten und die sich für das jüdische Volk einsetzten. Heute werden sie „Gerechte der Nationen“ genannt. Ihre Geschichten sind Vorbild für alle Zeiten.

Friends of Zion – Die Gerechten der Nationen

Diese Menschen dachten anders und vor allem handelten sie anders. In einer Welt totalen moralischen Zusammenbruchs gab es diese kleine Minderheit.

Friends of Zion Museum in Jerusalem. Foto privat

Die Geschichten von einigen werden im Jerusalemer Museum „Friends of Zion“ (Freunde Zions) erzählt. Personen, die die Vision einer Rückkehr des jüdischen Volkes in ihr Ursprungsland lebendig hielten und die aktiv gearbeitet haben, um den Traum eines jüdischen Staates zu verwirklichen sowie andere, die sich mit hohem persönlichen Risiko in militärischem oder diplomatischem Sinne besonders dafür eingesetzt haben.

Von Lord Balfour, der versprach das jüdische Volk bei der Errichtung einer Heimstätte in Zion zu unterstützen, über Orde Wingate, der die Juden in Verteidigungstaktiken unterrichtete, bis hin zu Winston Churchill, der sich mehrfach für eine starke jüdische Präsenz in Palästina einsetzte und ihre Einwanderung, trotz politischer Spannungen, unterstützte. Eine ganz besondere Würdigung erhalten die Gerechten der Nationen, Menschen, die während des Holocausts oft unter Einsatz ihres Lebens Juden gerettet haben.

Alle diese Menschen können inspirierende Vorbilder für uns sein und sie sind der Beweis dafür, dass jeder seine Entscheidungen am Ende selber trifft – und somit auch dafür verantwortlich ist. Dass keine Massendynamik, keine Ideologie, keine Verfolgung so stark sind, dass der menschliche Geist nicht mehr fähig wäre, Gut von Böse zu unterscheiden und eigenständig Position zu beziehen.

Niemand hat das besser und überzeugender darzulegen gewusst als der Wiener Jude, Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, der das Konzentrationslager überlebte. Obwohl er seine Eltern und seine Frau verlor, hat er das lebensbejahende Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ geschrieben. Ein authentischer Mutmacher, der zeigt, dass der Mensch „auch noch in den schwierigsten Situationen und bis zur letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten hat, sein Leben (trotz dem Leid) sinn- und wertvoll zu gestalten“ und dass „der Mensch das Wesen ist, das entscheidet, was es ist“. Dass man sogar im Konzentrationslager „dem Menschen alles nehmen kann, nur nicht die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegeben Verhältnissen so oder so einzustellen“. Und dass „Leben letztlich nichts anderes heißt als Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen im Leben gestellt werden; für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“

Die Gerechten der Nationen zeigen uns, dass JEDER für sein Tun oder für sein Nicht-Tun verantwortlich ist, aber auch, dass JEDER einen Unterschied bewirken kann. Und dass jeder Einsatz zählt. Der Talmud lehrt im Traktat Sanhedrin 37a „Wer eine einzige Seele aus Israel vernichtet, dem rechnet es die Schrift an, als habe er eine ganze Welt vernichtet; und wer eine einzige Seele aus Israel erhält, dem rechnet es die Schrift an, als habe er eine ganze Welt erhalten.“ Dieser Satz wurde verallgemeinernd so zusammengefasst „Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

Die Gerechten der Nationen sind Vorbilder für alle Zeiten. Foto Shutterstock

Nach diesem Grundsatz wurde in der Gedenkstätte Yad Vashem eine Allee der Gerechten angelegt, um diese Menschen persönlich zu ehren. Insgesamt sind bisher 29.968 Gerechte aus 57 Ländern weltweit anerkannt worden: Nicht-Juden, die während des Holocausts ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Das sind nicht viele gemessen an der Weltbevölkerung, aber es sind genug, um uns zu zeigen, dass wir niemals alleine sind, wenn wir an der Seite Israels stehen.

Ich habe ein paar dieser Beispiele für Sie mitgebracht. Ähnlich wie in Yad Vashem möchte ich dem Verbrechen des Antisemitismus und den Gräueln des Holocausts die Menschen gegenüberstellen, von denen Liebe, Mitgefühl, Hoffnung und Rettung ausging. Die ein Segen waren!

Da sind Diplomaten wie Raoul von Wallenberg, Carl Lutz, Aristides de Sousa Mendes oder Chiune Sugihara, die zigtausende retten konnten. Aber auch der deutsche Diplomat in Dänemark Georg Ferdinand Duckwitz, der bei der Rettung von fast 7.200 Juden nach Schweden half. Da sind Gemeinden die Tausende versteckten. Oskar Schindler, der mehr als 1000 Juden in seinen Fabriken rettete oder das Direktorenpaar Zabinski des Warschauer Zoos, die über 300 Juden aus dem Ghetto schmuggelten und im Zoo versteckten. Der Börsenmakler Nicolas Winton, der mit seiner Initiative und seinem Organisationstalent aus dem Nichts Rettungszüge und Pflegefamilien aktivierte und 669 jüdische Kinder aus Prag nach England brachte. (Der 2024 herausgebrachte Film „One Live“ erzählt diese berührende Geschichte). Der niederländische Widerstandskämpfer Joop Westerweel, der die Flucht von rund 300 Juden organisierte. Die deutsche Lehrerin Elisabeth Abegg oder die deutsche Ärztin Maria von Maltzan die jüdischen Familien mit Verstecken und Papieren in Berlin halfen. Oder die polnische Krankenschwester Irena Sendler, die über 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto schmuggelte und in Pflegefamilien unterbrachte. Sie bewahrte ihre Namen auf, um sie nach dem Krieg wieder mit ihren Familien zusammen zu bringen, was bei über 2000 dieser Kinder gelang. Obwohl sie von der Gestapo gefasst und gefoltert wurde, verriet sie ihre Schutzbefohlenen nicht. Die erschütternde Geschichte eines dieser von ihr geretteten Kinder wird im SCM-Roman „Das Medaillon“ von Cathy Gohlke erzählt.

Da ist Stefanie Podgorska, die als einfache Bürgerin über ein Dutzend Juden versteckte. Jeanne Daman, eine belgische Lehrerin die 2000 jüdische Kinder aus Brüssel schmuggelte und sie in Pflegefamilien vermittelte. Dänische Fischer setzten ihr Leben aufs Spiel und retteten 95% der dänischen Juden nach Schweden. Marie-Rose Gineste warnte Juden vor Razzien und half bei der Flucht. Das Juristenehepaar von Dohnanyi half zig Juden mit falschen Papieren und Ausreiseplänen. Irena Gut, eine mittellose Zwangsarbeiterin, besaß nichts als ihren Mut und ihr Herz. Doch das war genug um 12 Juden zu retten, die sie im Keller des deutschen Majors versteckte, dessen Haushalt sie in Polen führen musste. Da ist eine Miep Gies, die durch das Tagebuch der Anne Frank berühmt wurde, welches die von ihr erwiesene Hilfe festhielt oder die polnische Bäuerin Franciszka Wyrzykowski die Juden nach Massakern versteckte. Und da ist Ada Schiel aus Siebenbürgen. Sie war meine Großmutter.

Ich möchte diese besondere Geschichte mit Ihnen teilen, weil sie ein so wunderbares Beispiel dafür ist, dass wer Israel segnet, selbst gesegnet wird. Dafür nehme ich Sie mit nach Siebenbürgen.

Die Geschichte einer besonderen Frau während des zweiten Weltkrieges

Zur Zeit des zweiten Weltkrieges zählte Rumänien zunächst zu Deutschlands Verbündeten. Ion Antonescu, der damalige Ministerpräsident und Marschall Rumäniens errichtete ab 1940 eine Militärdiktatur und ging auch ein Militärbündnis mit Hitler ein, von dem er sich materielle und personelle Unterstützung beim Aufbau der rumänischen Armee versprach. Auf Grund dessen entsandte Hitler eine deutsche Militärmission nach Rumänien, was dazu führte, dass viele deutsche Militärs in Siebenbürgen stationiert waren. Antonescus Politik war außerdem von radikalem Antisemitismus geprägt und während seiner Regierung fielen hunderttausende Juden aus Rumänien durch Massaker und in Arbeitslagern dem Holocaust zum Opfer.

Meine Großmutter. Foto privat

Meine Großmutter gehörte zu der einflussreichen Familie des früheren Bürgermeisters von Kronstadt, einer Stadt in Siebenbürgen: Dr. Carl Ernst Schnell und aufgrund ihrer Fabriken und ihres Wohlstandes verfügte die Familie nicht nur über politischen, sondern auch über wirtschaftlichen Einfluss. Das Haus meiner Großmutter in der Burggasse war schon immer ein gesellschaftlicher Treff- und Mittelpunkt. Das blieb es auch während der Zeit der Stationierung deutscher Truppen. Da Siebenbürgen jahrhundertelang zur Habsburger Monarchie gehört hatte (und erst nach dem Ende des ersten Weltkrieges Rumänien zugesprochen wurde) waren meine Großeltern beide noch als österreichische Staatsbürger in Siebenbürgen geboren und hatten in Österreich und Deutschland studiert.

Deutsche Offiziere, die nach Kronstadt kamen, freuten sich, im Haus meiner Großeltern auf deutsche Kultur zu treffen und deutsch sprechen zu können. Was die deutschen Militärs nicht wussten, war, dass meine Großmutter jüdische Freunde besaß und dass sie nicht bereit war, diese Freundschaft aufzugeben. Als sie gemerkt hatte, wie bedrohlich die Judenverfolgung auch in ihrem Umfeld wurde und sich abzeichnete, welches Schicksal Juden erwartete, handelte sie.

In großer Eile (denn jeder Tag Verzögerung konnte den Abtransport ihrer Freunde bedeuten) ließ sie im Keller ihres Hauses einen verborgenen Raum abtrennen, der durch eine Türe verschlossen wurde, die mit einem Regal getarnt war. Dann brachte sie Stück für Stück kleinteilige Möbel, Klappbetten, Matratzen, Decken, Geschirr, Kleidung und alles andere Notwendige dahin. In dem großen Haus fiel das zum Glück nicht weiter auf. Als alles vorbereitet war, brachte sie ihre Freunde dort unter.

Irgendwie war es ihr gelungen, dies alles so zu tun, dass außer ihr niemand davon erfuhr, und sie versorgte die jüdische Familie ab diesem Zeitpunkt im Geheimen. Welche Ängste sie dabei begleiteten, weiß ich nicht – sie hat nie darüber gesprochen. Natürlich war ihr klar, in welche Gefahr sie sich und auch ihre ganze Familie damit brachte. Aber es erschien ihr einfach selbstverständlich, für ihre jüdischen Freunde da zu sein, wenn diese verfolgt wurden und in Gefahr waren.

So führte sie ein Doppelleben. Nach außen hin die Dame der Gesellschaft, Mutter kleiner Kinder und Gastgeberin für viele – und im Verborgenen jemand, der seine Kraft und Kreativität dafür einsetzte, seine Freunde zu schützen.

Während im Salon deutsche Offiziere der Dame des Hauses die Hand küssten und im Gästebuch ihre wunderbare Gastfreundschaft lobten, bei der sie „das raue Kriegshandwerk vergaßen“, warteten unten im Keller ihre jüdischen Freunde darauf, dass sie – wie jede Nacht – zu ihnen kam und sie mit Lebensmitteln, Nachrichten, Lesestoff und allem Notwendigen versorgte.

Das ehemalige Haus meiner Großmutter im Winter 2024

Obwohl – oder vielleicht, gerade weil – ein regelmäßiges Aus- und Eingehen deutscher Militärs in dem Haus herrschte, schöpfte niemand Verdacht. Auch dass mehr Lebensmittel verbraucht wurden, fiel bei den zahlreichen Gästen nicht auf. Die jüdische Familie wurde nicht entdeckt – und überlebte! Was für ein Segen! Doch dies ist nur der erste Teil der Geschichte…

1944 änderte sich alles. Die Niederlage des deutschen Reiches zeichnete sich ab und am 23. August beendete der rumänische König Michael durch einen Staatsstreich die Militärdiktatur von Ion Antonescu und auch das Militärbündnis mit Deutschland. Rumänien wechselte mitten im Krieg die Fronten und kämpfte fortan an der Seite der Alliierten; die sowjetische Armee marschierte ein. Mit dem Sturz Antonescus endeten auch die systematischen Judenverfolgungen.

Trotz des Frontenwechsels forderte Stalin im Herbst 1944 „Reparationsleistungen“ von Rumänien, für den Wiederaufbau der Sowjetunion – als Entschädigung für das frühere Bündnis mit Deutschland, und zwar in Form von 100.000 „freiwilligen“ Arbeitskräften. Besonders im Fokus standen dabei Angehörige der deutschen Minderheit in Siebenbürgen.

Ab Januar 1945 wurden entsprechend arbeitsfähige Rumäniendeutsche (Männer zwischen 16 und 45 Jahren sowie Frauen zwischen 18 und 30 Jahren) von russischem und rumänischem Militär „ausgehoben“ und in Viehwaggons zur Zwangsarbeit deportiert. Die Ortseingänge wurden dazu von Militär und Polizei abgeriegelt, der Telefon-, Telegraf- und Eisenbahnverkehr wurde unterbrochen, und gemischte rumänisch-sowjetische Patrouillen gingen mit vorbereiteten Listen zur Aushebung von Haus zu Haus. Meistens geschah dies in der Nacht. Innerhalb einer Stunde sollten sich die betroffenen Personen für den Abtransport fertigmachen – ohne zu wissen, wohin es ging und wie lange sie wegbleiben würden. Erlaubt war nur ein einziges Gepäckstück. Bei der Aushebung wurde keine Rücksicht auf die Zurückgebliebenen genommen, auch wenn das Kinder waren, die elternlos blieben.

Meine Großeltern waren beide Teil der deutschen Minderheit. Mein Großvater war zu dieser Zeit noch an der Front, meine Großmutter war 28-jährig mit ihren drei kleinen Kindern (6, 2 und knapp über 1 Jahre alt) in Kronstadt. Jede Nacht bedeutete Angst, jeder Tag war nur eine Gnadenfrist. Und dann stand eines Nachts die Patrouille vor ihrer Tür und auch sie musste ihren Koffer packen. Aber sie tat gleichzeitig auch noch etwas anderes: sie schickte ihr ungarisches Dienstmädchen zu jener befreundeten jüdischen Familie, die sie gerettet hatte und die seit dem Frontenwechsel Rumäniens wieder in Freiheit lebte.

Innerhalb kürzester Zeit erschien ihr jüdischer Freund. Er sprach mit den rumänischen und russischen Militärs und berichtete davon, wie meine Großmutter seiner Familie das Leben gerettet und wie sie sie jahrelang versorgt hatte. Welche Worte er fand, um die Männer zu überzeugen, weiß nur er. Aber er erreichte, dass meine Großmutter auf der Liste abgehakt wurde – ohne tatsächlich deportiert zu werden. Zwar verloren sie und ihre Familie durch die Enteignungen, die von den rumänischen Kommunisten in den Folgejahren durchgeführt wurden, allen Besitz und waren gezwungen in einer winzigen Hinterhofwohnung zu leben, aber sie selbst blieben unversehrt und ihre drei Kinder mussten nicht elternlos aufwachsen. Welch ein Segen! „Gesegnet wird, wer dich (Volk Israel) segnet“

Seither sind Jahrzehnte vergangen. Meine Großmutter hat Israel nie gesehen und die von ihr geretteten Freunde, die dahin auswanderten, nicht mehr getroffen, weil sie hinter dem Eisernen Vorhang in Rumänien, vom Rest der Welt abgeschottet leben musste. Und doch hat auch sie einen winzig kleinen Puzzlestein zu dem Wunder beigetragen, dass sich in den letzten 100 Jahren in Israel vollzogen hat.

Wenn ich heute durch Israels Straßen gehe, dann wird mir ganz warm ums Herz. Zacharia 8, 5 hat sich erfüllt: „Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen Jerusalems alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen“.

Meine Großmutter hat den Beitrag geleistet, den sie leisten konnte – und damit auch mir ein Vermächtnis hinterlassen. Ich möchte die Segenslinie fortführen und, wie sie, für Israel ein Segen sein!

Jeder der Gerechten der Nationen hat seine eigene bewegende Geschichte. Die Herausforderung für uns ist es, uns inspirieren zu lassen und herauszufinden, wie wir heute, 2026, einen Beitrag leisten können, der einen Unterschied bewirkt.

Lesen Sie weiter in Teil 3.

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