Offener Brief zur Erklärung des Weltkirchenrats/Ökumenischer Rat der Kirchen zu Palästina und Israel: „Ein Aufruf zur Beendigung von Apartheid, Besatzung und Straflosigkeit in Palästina und Israel“, Zentralausschuss, 18.-24. Juni 2025, Johannesburg, Südafrika.
Darmstadt, 3. Juli 2025
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Bedford-Strohm, sehr geehrte Delegierte für den Weltkirchenrat der Kirchen und kirchlichen Zusammenschlüsse aus dem deutschsprachigen Raum, sehr geehrte Kirchenleitungen, wir schreiben an Sie in Ihrer Eigenschaft als Vorsitzender des Zentralausschusses des Weltkirchenrats (ÖRK) und auch als langjähriger Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, sowie an Sie als Delegierte und Leitungspersonen der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Organisationen.
Am 27. Juni 2025 wurde eine Erklärung des ÖRK zu Israel und den palästinensischen Gebieten veröffentlicht. In dieser Erklärung wird Israel aufgerufen, die Notlage im Nahen Osten in ihren verschiedenen Ausprägungen zu beenden. Dabei werden Hauptaspekte des Konflikts außer Acht gelassen, die wir als Mitglieder der unterschiedlichen Kirchen, die im ÖRK vertreten sind, mit diesem Schreiben thematisieren.
Viele von uns sind seit Jahren und in den letzten Monaten noch intensiver engagiert für das immer noch und inzwischen wieder zunehmend belastete jüdisch-christliche Miteinander in unserem Land und die Verbindungen zwischen Deutschland und Israel.
Mit Entsetzen schauen wir auf die seit Jahrtausenden erlebte Existenzbedrohung der jüdischen Gemeinschaft, die sich in den letzten einhundert Jahren bis in die abgrundtiefen Schrecken der Shoah hineingesteigert hat. Weltgeschichtlich vielleicht einzigartig hatte sich mit der Flucht-Heimkehr der Jüdinnen und Juden nach der Shoah in ihr „anverlobtes“ Land, das ja über die Zeit immer auch jüdisch teil-besiedelt war und gegen ihren Willen kolonialisiert wurde, eine Chance der Erlösung aus dem Kreislauf der Vernichtungsversuche eröffnet. Aber nein, die Vernichtungsbedrohung hatte sich nur verlagert und vom ersten Tag an musste dieser traumatisiert-heimkehrende Rest, der nach 1945 überlebt hatte und Zuflucht im Land der Väter suchte, wieder ums Überleben kämpfen.
Dass große Teile der christlichen Kirchen inklusive vieler Freikirchen weithin über Jahrhunderte bis in die letzten Tage des Hitler-Reiches im Einklang mit den dunkelsten Mächten der Weltgeschichte waren, zerreißt unser Herz und beschämt bis in den tiefsten Grund unseres Glaubens. Betroffen bekennen wir als Christinnen und Christen, dass die Wurzeln des Judenhasses im Dritten Reich, lange vorher und dann verstörender Weise auch darüber hinaus, vor allem auch in theologischen Verirrungen bereits der ersten Jahrhunderte und weit hinein in die Reformation zu finden sind.
Diese furchtbaren Wirklichkeiten der Kirchengeschichte können auch bei Kritik an Entscheidungen und Handlungen der israelischen Regierung, des Militärs und der Bevölkerung nur unter äußerst zweifelhaftem Realitätsverständnis zu dieser Verlautbarung des ÖRK vom 27. Juni 2025 in Johannesburg führen.
Die Differenzierung zwischen „dem jüdischen Volk, unseren Glaubensbrüdern und -schwestern und den Handlungen der israelischen Regierung“, die eine von der israelischen Bevölkerung demokratisch gewählte Regierung und damit Vertretung von Jüdinnen und Juden in Israel ist, wirkt auf uns realitätsfern und falsch. Diese Argumentation finden wir ebenso im Kontext von israelbezogenem Antisemitismus, der sich unter dem Deckmantel der Kritik an Israel gegenwärtig hemmungslos ausbreitet.
Das unermessliche Leiden und das Elend, die dieser Krieg über die Zivilbevölkerung in den palästinensischen Gebieten und Israel gebracht hat, sind weder zu leugnen noch zu verschleiern. Diese Situation macht uns tief betroffen. Doch die Hauptursache dieses Leidens muss klar sein. Das Epizentrum des ganzen Geschehens liegt in den seit Jahrzehnten geschürten Vernichtungs- und Hassideologien gegenüber Israel und dem Vollzug dieser u.a. im Hamas-Massaker an Jüdinnen und Juden vom 7. Oktober 2023.
So schlimm der Krieg wütet und unfassbares Leid über die Menschen in Gaza bringt, darf nie außer Acht gelassen werden, dass der jüdische Staat um seine Existenz und die jüdische Gemeinschaft weltweit um eine sichere Zukunft kämpfen. Zu diesen Aspekten muss jedes leidvolle Handeln in diesem Krieg in Bezug gesetzt werden. In einer Erklärung zur Lage in Nahost gehört genau dies in aller Deutlichkeit ohne Wenn und Aber anerkannt, angeprangert und verurteilt. Diese Seite fehlt jedoch in der Erklärung des Weltkirchenrats, der 580 Millionen Christinnen und Christen repräsentieren soll, vollständig. Weder wird das mörderische Massaker vom 7. Oktober 2023, noch die sich immer noch in der Hand der Hamas befindenden Geiseln oder der Hass und Terror der Hamas überhaupt erwähnt, geschweige denn in die Überlegungen mit einbezogen. Stattdessen wird die Vernichtungsideologie gegenüber Israel, wie sie von der Hamas und den anderen Massenmord anstrebenden Aggressoren und Terrorgruppierungen verkörpert wird, geradezu ausgeblendet oder fahrlässig relativiert. Diese Erkenntnis der existentiellen Bedrohung Israels fehlt den in Südafrika vertretenen Kirchen offensichtlich und sie befeuern mit der vorliegenden Erklärung dementsprechend die internationale Hasswelle auf Israel.
Es bleibt also scheinbar beim „Weiter so!“ der Kirchen.
Dies alles ins Gewand der Bekräftigung, „dass der ÖRK entschieden gegen jede Form von Rassismus, einschließlich Antisemitismus“ stehe, zu packen, wirkt auf uns wie ein Verrat an der jüdischen Gemeinschaft. Aus nächster Nähe erleben wir das Entsetzen und die Sorge unserer jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich ihres Lebens wieder nicht mehr sicher sein können und nun auch von den Kirchen (wieder einmal) öffentlich im Stich gelassen werden.
Wir mahnen „unsere Kirchen“ an, eine andere Qualität von solidarischem Verständnis und realistischem Verhalten gegenüber Israel zu zeigen und gegen den Mainstream einseitiger Berichterstattung und Bewertung aufzustehen. Wir sind der Meinung, man kann auf das Leid in Gaza aufmerksam machen, ohne gegen Israel zu hetzen. Dies ist dem Weltkirchenrat tragischerweise nicht gelungen und das wird die Verbindung zur jüdischen Gemeinschaft nachhaltig belasten.
Wir jedenfalls als Mitglieder der in Südafrika repräsentierten Kirchen distanzieren uns hiermit öffentlich von dieser Erklärung und bitten Sie als leitende Verantwortliche und Delegierte der Kirchen und kirchlichen Organisationen um eine Revidierung.
Die Unterzeichnenden:
Debora Schabel, Mitglied der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Gemeindepädagogin
Jürgen Grün, Pastor i.R. des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (EFG) und des Bundes der Freien evangelischen Gemeinden (FeG)
Martin Lask, Mitglied der EFG
Tobias Schabel, Mitglied der EKHN
Heinrich Mohn, Pfarrer i.R. der EKHN
Evangelische Marienschwesternschaft e.V., Darmstadt
Kristina Büsing, Mitglied der EKHN
Anne-Kathrin Deppermann-Wöbbeking, Mitglied der EKHN
Karl Wöbbeking, Mitglied der EKHN
Bärbel Friebertshäuser, Mitglied der EKHN
Andrea Luft, Mitglied der EKHN
Markus Wehr, Mitglied der EKHN
Unterstützt von:
Janine Langrock, Christin, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit
Udo Langrock, Christ, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit
Gisela Lindauer, Christin, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit
Bernd Lindauer, Christ, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit
Dr. Marcus Stippak, Christ, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit
Veronika Fast, Christin, aktuell ohne Kirchenzugehörigkeit