von Brigitte B. Nussbächer

Auf der Suche nach der treibenden Kraft, die dazu führte, dass Israel die Hoffnung nicht aufgab und bis heute überlebt. Was gab den Ansporn in den schwärzesten Stunden weiterzukämpfen? Was lässt bis heute Israelis darauf vertrauen, dass es – allem Anschein zum Trotz – ein gutes Ende geben wird?
Brennende Fragen

Als ich vor Jahren damit begann, mich mit Israel zu befassen, stieß ich immer wieder auf die gleichen Fragen:
Warum hat dieses Volk 2000 Jahre lang nicht aufgegeben? Jede andere Nation, die keinen nationalen Referenzpunkt hat (wie zum Beispiel Minderheiten in ihrem Ursprungsland) wäre längst assimiliert und hätte seine Identität verloren. Woher kam diese utopische Hoffnung, wie konnte man in einer völlig konträren Wirklichkeit überhaupt daran denken, einmal wieder in Jerusalem zu leben?
Wieso haben die Juden ausgerechnet, nachdem Millionen im Holocaust umgekommen waren und nur eine verschwindende Minderheit übrigblieb, einen eigenen Staat gegründet? Es war der Zeitpunkt der Neuzeit, an dem das Judentum am allerschwächsten war: sowohl zahlen- als auch konditionsmäßig. Was hatten denn die meisten Neueinwanderer im Gepäck, um dieses Land aufzubauen? Die furchtbaren Erinnerungen an Konzentrationslager und die lebenslangen Narben und Behinderungen, die das Leiden verursacht hatten.
Weshalb werden so viele Holocaustüberlebende sehr alt und haben eine große Familie gegründet? Hatten sie denn nicht am eigenen Leib erlebt, was für ein Albtraum das Leben sein konnte? Hatten sie denn nicht erfahren, dass es keine Sicherheit gab? Waren sie wirklich so naiv, zu glauben, dass sie inmitten der vielen arabisch-muslimischen Staaten, die nicht bereit waren, Israels Existenzrecht anzuerkennen, bestehen könnten? Es war doch nur eine Frage der Zeit, wann die nächste Vernichtungswelle käme.
Wie kommt es, dass 23% aller Nobelpreisträger jüdischen Ursprungs sind, obwohl sie doch nur 0,2% der Weltbevölkerung ausmachen? Das ist das Hundertfache ihres normal proportionalen Anteils! Wieso ausgerechnet diese Menschen, die über die Jahrhunderte von Berufsverboten daran gehindert wurden, sich frei zu entwickeln und die oft in Ghettos ausgegrenzt aufwuchsen? Wie war es möglich, dass dies Elend zu einer Explosion der Kreativität und zu solchen Triumpfen des Geistes führte?
Als ich dann Israelis persönlich kennen lernte, erkannte ich auch in ihrem Leben oft das gleiche Schema. Immer wieder aufstehen als Phönix aus der Asche. Niederlagen als Sprungbrett nutzen. Sich nicht unterkriegen lassen. Bäume pflanzen für Gefallene. Immer wieder neue Aufbrüche, neues Leben, entstanden auf Trümmern.
Was befähigte diese Menschen, was war das Geheimnis ihrer rational nicht erklärbaren Erfolge und Errungenschaften? Was war ihre Geheimwaffe?
Natürlich und richtigerweise kann man in allen diesen Vorkommnissen Gottes Hand und seinen Segen sehen. Aber ich war der Meinung, dass noch mehr dahintersteckte. Denn die Dinge, denen ich auf den Grund gehen wollte, waren nicht einfach Wunder. Es waren Ereignisse, bei denen die betroffenen Menschen einen hohen aktiven Anteil hatten. Welches war das Geheimnis ihrer psychischen, mentalen, physischen und intellektuellen Ausstattung? Und wieso entstand diese trotz erschwerender Rahmenbedingungen, Benachteiligungen und Leid?
Hat Leid einen Sinn?

Einen Hinweis fand ich bei Viktor Frankl, einem jüdisch österreichischen Psychologen, der mehrere Jahre im Konzentrationslager Ausschwitz verbrachte. In seinem Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“, in welchem er sein Überleben schildert, schreibt er; „Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muss auch Leiden einen Sinn haben“ und „gerade außergewöhnlich schwierige äußere Situationen, geben dem Menschen die Gelegenheit innerlich über sich selbst hinaus zu wachsen! … und damit Ansatzmöglichkeiten einer anderen Wirklichkeitsgestaltung“. Weiter führt er aus: „Leben heißt … Verantwortung tragen für die rechte Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt. Leid ist eine ganz einmalige Aufgabe und darin, wie der vom Schicksal Betroffene dieses Leid trägt, darin liegt die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung“.
Leid als Nährboden, Leid als Weg – um Besonderes zu erreichen? Leid als Chance?
Das war eine ganz andere Sicht als die, die ich kannte.
In der Welt, die mich umgab, bedeutete Glück das Nicht-Vorhandensein von Leid – und Erfolg wurde verbunden mit dem ungehinderten Zugang zu Ressourcen und Optionen.
Die westliche Sichtweise war – und ist! – die Hypothese des exakten Gegenteils von Frankls Ansatz: Mit einer ausreichenden Förderung, Bestätigung, Unterstützung und entsprechenden Selbstverwirklichungsmöglichkeiten (also einem Umfeld ohne Leid and Mangel) kann alles erreicht werden. Auf dieser Logik basieren Entwicklungsprogramme des Westens für Personen und Staaten. Doch die Ergebnisse sind oft nicht überzeugend …
Viktor Frankls Buch gab mir sehr zu denken.
Vom Sklaven zum Führer eines Großreiches

Es liegt nahe, auf die Bibel zurückzugreifen, wenn man Israel verstehen will. Und wer ist ein besseres Beispiel für eine erfolgreiche Karriere als Joseph? Er wurde der zweite Mann nach Pharao über Ägypten. Er hatte Erfolg und Einfluss: dank ihm konnte Ägypten trotz sieben erntelosen Jahren eine Hungersnot vermeiden und sogar Menschen aus anderen Völkern helfen. Vom Schafhirten und Sklaven zum operativen Führer des damaligen Großreiches. Was für ein Aufstieg! Aber zu welchem Preis?
Er wurde von den eigenen Geschwistern aus lauter Missgunst als Sklave verkauft, weil er der Liebling seines Vaters war, Träume hatte, dass er ihnen überlegen sei, bevorzugt wurde und seine Brüder denunzierte, wenn sie lästerten. War das Ergebnis seiner besonderen Förderung Arroganz und Überheblichkeit, die zu Hass und fast zu seinem Tod führten?
Dieses Trauma war anscheinend ein Wendepunkt in seinem Leben. Ab hier hören wir, dass ihm alles gelingt, weil Gott ihn segnet und dass er zum Haushälter Potiphars aufsteigt. Doch wieder schlägt das Schicksal zu. Diesmal durch eine Frau, die sich dafür rächen will, dass sie ihn nicht verführen kann. Er kommt ins Gefängnis – ohne den Hauch einer Schuld und ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Das Überraschende: aus dem Jüngling, der seinem Vater alles Negative berichtete, war ein Mann geworden, der sich nicht beklagte, obwohl er allen Grund dazu gehabt hätte. Stattdessen packte er an und wurde so zum inoffiziellen Gefängnismanager. Schließlich führt ihn seine Fähigkeit, Gottes Stimme aus Träumen zu verstehen, an den Hof des Pharaos. Die Reife und Weitsichtigkeit seiner Empfehlungen ebnen ihm den Weg zur Spitze des Staates – und lassen ihn zum Retter von unzähligen Menschen, einschließlich seiner eigenen Familie, werden.
Joseph war bereit, „Verantwortung zu tragen für die rechte Erfüllung der Aufgaben, die ihm das Leben stellte“, um es mit Frankls Worten zu sagen. Die Art, wie er sein Leid trug, eröffnete ihm schließlich „die einmalige Möglichkeit zu dieser einzigartigen Leistung“.
Waren die bitteren Erfahrungen und die Enttäuschungen letztendlich die Schmiede, in der Josephs Charakter so geformt wurde, dass er später ohne Anmaßung, ohne Herablassung und ohne Rache handeln konnte – sogar seinen eigenen Geschwistern gegenüber? War dieser Höhepunkt nicht trotz sondern ausschließlich wegen dieses schmerzerfüllten Werdegangs möglich?
Und was hatte Joseph die ganzen Jahre davon abgehalten, in Selbstmitleid zu versinken und die Hoffnung aufzugeben? Was hatte ihm die Kraft gegeben, immer wieder von Neuem anzupacken und das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen? Welches innere Wissen hatte ihn in der langen Zeit, ohne menschlich sichtbare Lichtblicke, angetrieben?
War Joseph ein Einzelfall? Ein Mann mit besonderen Fähigkeiten? Eine Ausnahme? Einerseits sicherlich, aber andererseits auch wieder nicht.
Eine Vollwaise mit Migrationshintergrund wird Königin

Blicken wir auf ein junges Mädchen, das fern von der Heimat, in der Fremde aufgezogen wurde. Ihr Volk, die Hebräer, waren durch König Nebukadnezar aus Jerusalem in die Verbannung verschleppt worden. So wuchs sie auf, als Teil einer benachteiligten, nationalen Minderheit in Persien. Zusätzlich zu dieser Entwurzelung verlor sie auch noch beide Eltern. Eine Vollwaise mit Migrationshintergrund, die schließlich von ihrem älteren, alleinstehenden Cousin aufgezogen wurde.
Aufgrund ihrer Schönheit wurde sie für den Harem des Königs ausgewählt. Ein weiterer Schicksalsschlag. Eine Frau ohne Rechte, deren normales Los es gewesen wäre, den Rest ihres Lebens verbannt im Hause der Nebenfrauen zu leben. Doch durch ihren Liebreiz und ihre Authentizität gewann sie das Herz des Königs und wurde zur Königin.
Und schon nach kurzer Zeit sollte in ihrer Hand das Schicksal ihres ganzen Volkes liegen.
Weil Mordechai, ihr Cousin, nicht bereit war, sich vor dem Premierminister Haman wie vor einem Gott zu verneigen, beschloss dieser, alle Juden an einem einzigen Tag, dem 13. des Monats Adar, zu ermorden. Er brachte den König dazu, zu erlassen, dass die Juden ausgerottet und ihre Besitztümer zur Plünderung frei gegeben werden sollte. Verzweiflung machte sich unter den Hebräern breit. Auch bei Esther.
Würde sie den Mut aufbringen, zum König zu gehen und für ihr Volk zu bitten, auf die Gefahr hin, ihr Leben zu verlieren, weil auch sie sich ihm nur nahen durfte, wenn sie gerufen wurde? Sie tat es schließlich auf unglaublich kluge Art mit dem Ergebnis, dass die Juden, statt selbst liquidiert zu werden, mit königlicher Billigung ihre Feinde vernichten durften.
Diese Errettung in allerletzter Sekunde ist als das Purim Wunder in die jüdische Geschichte eingegangen und wird jedes Jahr erneut gefeiert: 2025 – am 13. und 14. März.
Esthers Geschichte, in der kein einziges Mal Gottes Name genannt wird, macht auf eindrückliche Weise auch die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen deutlich. Ohne Wenn und Aber, ohne Ausflüchte. Ester hätte viele Gründe gehabt, nicht einzugreifen. Aber sie verstand, dass sie vielleicht für genau diese Situation zur Königin geworden war und dass auch sie (wie es Frankl ausdrückt) „Verantwortung trug für die rechte Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt“. Sie nutzte das Leid, das den Juden zugefügt werden sollte, zu einer einzigartigen Leistung und rettete ihr ganzes Volk.
Wieso war sie im Angesicht dieser absoluten Katastrophe, konfrontiert mit der Auslöschung ihres Volkes, über sich selbst hinausgewachsen, statt aufzugeben? Wieso meinte sie, eine Chance zu haben, das bereits besiegelte Schicksal ihrer Nation zu wenden? Woher nahm sie die Kühnheit? Was hatte sie auf diese Aufgabe vorbereitet? Waren es die langen schweren Jahre ihrer Kindheit, in denen sie eine innere Stärke entwickelt hatte?
Tausende Jahre später: eine Nation baut ihr Land wieder auf

Ungefähr 2500 Jahre später gab es niemanden in Europa, der sich einem Genozid an den Juden in den Weg stellte. Er wurde mit erschreckender Systematik und Effizienz jahrelang umgesetzt. Systematisch herbeigeführte Krankheit, Unterernährung sowie übermäßige Arbeit wurden abgelöst durch Massenerschießungen. Danach kamen die Vernichtungslager, in denen Millionen Menschen, vor allem durch Gaskammern, (in einer oft als industriell bezeichneten Form) ermordet wurden. Nazideutschland schrieb damit die dunkelste Seite der Weltgeschichte. Aber die ganze Welt unterstützte diese grauenhafte Aktion durch aktive Teilnahme oder gleichgültige Passivität.
1945 war der Großteil des europäischen Judentums ermordet und fast aller Besitz geraubt. Die Überlebenden waren aus Vernichtungslagern in Flüchtlingslager verlegt worden und lebten hinter Stacheldraht, weil sie in ihren Herkunftsländern weiterhin unerwünscht waren. Es war die einsamste, bitterste Stunde seit der Vertreibung ins Exil – und die aussichtslose.
Theodor Herzls Traum von 1897, den jüdischen Staat neu zu erwecken, schien begraben unter den Bergen von Leichen, jede Initiative erstickt im Gas der Vernichtungskammern und die Hoffnung schien in den Krematorien zu Asche zerfallen zu sein.

Wie kam es dazu, dass ausgerechnet in dieser Situation die Vereinten Nationen an jenem 29. November 1947 beschließen, den verbleibenden Juden die Möglichkeit zu bieten, einen eigenen Staat zu proklamieren? Wollten sie nur die Flüchtlinge loswerden und damit die Verantwortung? Erwarteten sie ein Scheitern der Aktion? Warum rieten sie danach den Juden davon ab, diese Chance zu ergreifen? Oder gingen sie davon aus, dass die arabischen Staaten Hitlers Holocaust zu Ende bringen würden? Damit die Judenfrage für alle Zeiten begraben war? Warum verweigerten sie Israel militärische Unterstützung und setzten sogar ein Waffenembargo durch?

Und trotzdem entschied ein Mann, David Ben Gurion, allein, wider die Empfehlungen aller Weststaaten, trotz der Warnungen des Sowjetblocks und entgegen den Drohungen der arabischen Länder den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen. Sogar gegen den Rat seiner eigenen Generäle!
Was sah dieser Mann, was die anderen nicht sahen? Auf was basierte seine Zuversicht?
Als nur ein paar Stunden nach der Proklamation fünf professionelle arabische Armeen in Israel einfielen und sich die paar Tausend Juden mit Gewehren und Granatwerfern, gegen die Zigtausende der Arabischen Liga, deren Artillerie, Panzer, Flugzeuge und Kriegsschiffe zur Wehr zu setzen versuchten, schien die finale Auslöschung der Überreste dieses Volkes besiegelt.

Doch sie gaben nicht auf! Was bewegte Holocaustüberlebende, die als menschliche Wracks in das Land gekommen waren, zur Waffe zu greifen und gegen jede menschliche Vernunft den Kampf aufzunehmen? Wieso begnügten sich die in Israel geborenen Juden, die Zabras, nicht damit, weiter als geduldete Minorität im Land zu leben, statt zu riskieren, alles zu verlieren? Was für eine Chance sahen die 650.000 gegen 150 Millionen?
Doch rund ein Jahr nach der Proklamation des Staates, hat Israel der staunenden Welt seine Überlebensfähigkeit bewiesen – wider jede Wahrscheinlichkeit. (Mehr Details zur Geschichte Israels finden Sie in den Artikeln: „Israel – die Erfüllung einer Hoffnung“ – Teil 1&2)
Wir wissen aus der Physik, wie Diamanten entstehen: im flüssigen Gestein der Erdkruste etwa 150 km unter der Oberfläche, unter unglaublichem Druck und bei über 1000 Grad Celsius verwandelt sich Kohlenstoff. Dieser Prozess, bei dem die härtesten natürlichen Elemente dieses Planeten entstehen, die über eine unglaubliche Strahlkraft verfügen, dauert Millionen Jahre.
Waren 2000 Jahre Exil, Pogrome, Verfolgung und über 6 Millionen Tote, der Prozess, in dem eine Nation entstand, die das Land ihrer Väter wieder aufbauen konnte? Hatte die Art, wie die Betroffenen dieses Leid trugen, die „einmalige Möglichkeit zu der einzigartigen Leistung“ der Gründung des Staates Israels geschaffen?
Die besondere Geheimwaffe
Die bisher erläuterten Beispiele haben verschiedene Elemente gemeinsam.
Auf eindrückliche Weise ist erkennbar, dass das Leid bzw. die Art wie sie damit umgingen, diese Personen innerlich formte, stärkte und für Herausforderungen, weit jenseits ihres Vorstellungsvermögens, vorbereitete. Leid war letztlich der Nährboden ihrer späteren menschlichen Größe, ihrer Fähigkeiten und schließlich ihrer Erfolge. Damit beginnt sich der Sinn von Leid zu erschließen.
Das Zweite ist die völlige Aussichtlosigkeit der Situation. Jedes Mal war das Urteil schon gefällt, war die Vollstreckung schon teilweise vollzogen. Und doch haben diese besonderen Charaktere, im Angesicht eines scheinbar irreversiblen und unaufhaltbaren Untergangs, nicht resigniert. Es war, als würden sie zusätzlich zu dem, was alle anderen beobachten konnten, noch eine andere Realität wahrnehmen.
Als man Veteranen aus dem Unabhängigkeitskrieg fragte, wie sie sich diesen Sieg erklären konnten, war die Antwort mancher: „Es gibt einen ewigen Bund“. Doch das ist es nicht allein.

Das jüdische Glaubensverständnis lautet: „Ein Od Milvado“ (es gibt nichts anderes als ihn) und „Hakol Letova“ (alles dient zum Guten). Anders ausgedrückt: Wenn wir glauben, dass Gott die Welt regiert, dass er gut ist und dass alles unter seiner Führung geschieht, dann muss es für alles, was geschieht, einen guten Grund geben.
Es ist der Ausblick auf einen letztendlich positiven Ausgang, auf einen Segen, der noch nicht sichtbar geworden ist, der aber mit Sicherheit zu einem bestimmten Zeitpunkt eintreten wird. Selbst wenn man diesen Augenblick selber nicht erlebt, werden die Nächsten die Erben dieses Segens sein. Vor seinem Eintreten zu verzweifeln und aufzugeben, wäre folglich ein Beweis mangelnden Vertrauens zu Gott und würde dazu führen, dass man sich selbst des von Gott geplanten Finale beraubt.
Man nehme das Bespiel der Kundschafter, die von Mose ausgesandt wurden, um das verheißene Land zu erkunden. Sie kamen zurück, aber nur zwei von ihnen sahen die Möglichkeit, dies Land einzunehmen. In der Konsequenz musste das ganze Volk 40 Jahre durch die Wüste gehen, und die, die gezweifelt hatten, starben, bevor die Hebräer tatsächlich das Land betraten. Gott löste sein Versprechen ein, aber nur die Erben und die, die von Anfang an auf ihn vertrauten, erlebten dies.
Das Prinzip des verborgenen Segens lautet: Inmitten von Leid und von Ausweglosigkeit darauf zu vertrauen, dass alles seinen Sinn hat und dass dies nicht das Ende ist. Dass Gott trotz Trümmern und Asche, nein – aus Trümmern und Asche etwas Neues, Wunderbares aufbauen kann und dies auch tun wird – zu dem Zeitpunkt seiner Wahl. Und aktiv Ausschau nach diesem Ergebnis zu halten, es mit allen Sinnen zu suchen und mit allen Kräften darauf hinzuarbeiten.
Diese Geheimwaffe haben Israels Männer und Frauen immer und immer wieder mit Erfolg eingesetzt.

Eigene Erfahrungen
Beim ersten Hören mag dies Prinzip vielleicht einfach klingen. Doch wenn man selbst versucht es anzuwenden, erkennt man wieviel innere Kraft und Durchhaltevermögen es erfordert. Der beharrlichste Gegner sind die eigenen Gedanken, Befürchtungen und Erfahrungen. Es ist also in erster Linie ein Kampf gegen sich selbst, eine gezielte Steuerung der Bewertung und der Interpretation dessen, was man wahrnimmt.
Das Konzept begann mich zu faszinieren. Als jemand, der keine leichte Kindheit gehabt hatte und an einer unheilbaren Krankheit litt, überlegte ich, ob ich vielleicht in meinem eigenen Leben Spuren eines verborgenen und für mich bis dahin nicht wahrgenommenen Segens finden könnte. Diese Suche wurde zu einer Offenbarung, denn plötzlich begann ich meine Vergangenheit anders zu bewerten und zu verstehen.
Ein Leben lang habe ich die Sicherheit und die Zuversicht vermisst, die Menschen begleitet, die Geborgenheit und Unterstützung in ihrem Elternhaus erleben. Die Fokussierung meines Vaters auf seine Arbeit einerseits, die fehlende Harmonie zwischen meinen Eltern und die psychische Krankheit meiner Mutter andererseits, führten dazu, dass unsere Wohnung für mich nur ein Ort war, an dem man schlief. Als die Krankheit meiner Mutter so akut wurde, dass sie nicht mehr zu Hause leben konnte, war ich mit knapp 16 Jahren auf mich alleine gestellt. Dass alle anderen Verwandten weit entfernt wohnten, verschärfte die Situation. Es war niemand verfügbar, der mir half, also musste ich alleine zurechtkommen: mit dem Alltag, aber noch viel mehr mit Entscheidungen und Handlungen, die für meine Zukunft entscheidend waren. Für mich sind dies sehr dunkle, einsame Jahre gewesen.


Erst als ich begann, mich mit dem jüdischen Verständnis von Leid auseinander zu setzen, begann die Frage in mir zu keimen, ob es wohl einen kausalen Zusammenhang zwischen den Mängeln meiner Kindheit und meinen späteren Erfolgen gab. Ob ich unbewusst durch diese Situation innerlich gewachsen und stärker geworden war? Es half mir, einen späten Frieden mit jener Zeit zu finden.
Auch die Tatsache, dass ich, seit ich 14 Jahre alt bin, an einer immer häufiger und intensiver werdenden Migräne leide, hat mich im Endeffekt etwas gelehrt: Den Augenblick zu genießen und mit aller Kraft zu versuchen, das Beste aus ihm zu machen, weil ich nie weiß, ob mir die kommenden Stunden gehören. Ganze Tage, die von Schmerzen zerfressen werden und die aus dem Leben gestrichen sind, schwer wie unbegrabene Leichen. Doch welche Freude, welche Dankbarkeit, was für ein innerer Jubel in den unbeschwerten Momenten. Jeder Einzelne ein Fest des Lebens. Mit Staunen erkannte ich: Diese Intensität habe ich durch die Migräne gelernt.
Wie Tränen zu Diamanten wurden

Als mein Mann, Harald, 2022 eine Krebsdiagnose bekam, war es zunächst ein Schlag für uns. Schon sein Vater und Großvater waren an der gleichen Krankheit gestorben. In den kommenden Monaten waren regelmäßig chirurgische Eingriffe erforderlich, wir lebten von einem Termin zum nächsten. Im Januar, ein Jahr später, wurden wieder zwei neu gebildete Tumore entdeckt. Es war niederschmetternd. Und wir mussten entscheiden, wieviel Raum wir der Angst einräumen wollten. Ob wir uns lähmen lassen würden von den düsteren Gedanken und Befürchtungen, die auf einmal alle Stunden und ganz besonders die Nächte überschatteten.

An dem Schabbat Abend, nach der Doppeltumor Diagnose, sahen wir den brennenden Kerzen zu, wie sie immer kleiner wurden, ohne dabei ihre Leuchtkraft einzubüßen und bis zuletzt ihr warmes Licht versprühten. Und beschlossen, dass wir in der uns verbliebenen Zeit, ein Fest des Lebens zusammen feiern wollten und versuchen würden, jeden Augenblick zu nutzen. Dass wir uns auf die wichtigen und wertvollen Dinge konzentrieren und jede Stunde dankbar genießen würden.
Die konkrete Folge dieses Entschlusses war, einen Flug nach Israel zu buchen. Diesmal wollten wir nicht während einer Rundreise neue Orte und Sehenswürdigkeiten entdecken und mehr über dies besondere Land lernen. Diesmal wollten wir eigentlich nur Zuflucht bei unserem himmlischen Vater suchen, an dem Ort, von dem er gesagt hatte, dass seine Augen und sein Herz immer da sein würden: In Jerusalem, an der Kotel (Westmauer). Und das taten wir. Über diese besondere Woche habe ich im Artikel: „Altäre der Dankbarkeit“ berichtet.
In den Monaten danach entdeckten wir, dass Gott in dieser Zeit unsere „inneren Taschen gefüllt hatte“ – mit Ideen, Initiativen, der Wiederbelebung von fast vergessenen und der Entdeckung von neuen Talenten. Ich reaktivierte meine literarischen Fähigkeiten und begann über Israel zu schreiben. Die Vision einer Website für Israel entstand. Mit minimaler externer Hilfe gelang es Harald das notwendige technische Wissen autodidaktisch zu erwerben, um die Webseite selbst bauen zu können. Alles was wir von Israel wussten und was wir für besonders wichtig und wertvoll hielten, versuchten wir in Bildern, Geschichten und Empfehlungen für andere zugänglich zu machen.
Konstruktive und kreative Gedanken verdrängten die düsteren Zukunftsbilder. So schnell entwickelten sich neue Ideen, dass wir mit der Umsetzung kaum nachkamen. Wir waren glücklich und erfüllt in diesen Monaten voller Gestaltungskraft und Tatendrang und wir spürten, dass es uns gelang, unsere Tage optimal zu nutzen.


Dann kam das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023. Und die Reaktion der Weltöffentlichkeit. Die Ignoranz, die Relativierung, die Gleichgültigkeit, der Antisemitismus. Und für uns der Augenblick, öffentlich und in Person für Israel einzustehen. Unser erster Israelabend wurde – in der Brisanz der Situation – in weniger als 10 Tagen umgesetzt und katapultierte uns in eine neue Dimension: Israel ganz praktisch zu unterstützen. Bald darauf waren wir in dem verwundeten Land, trafen Betroffene, versuchten ihr Leid zu lindern und berichteten als Zeitzeugen. Der Zyklus „Verwundetes Israel“ entstand. Und eine Reihe von Folgeprojekten.
Es begann in Jerusalem im März 2023 und entstand aus Tränen, Schmerz und unglaublichem Druck von allen Seiten. Doch nie zuvor waren wir so sicher gewesen, das Richtige zu tun. So durften wir erleben, wie Tränen zu Diamanten wurden.
Wäre das alles auch ohne Haralds Diagnose entstanden oder wurde der Segen dadurch möglich, dass wir unser Leben aufgrund dieser Prognose auf einmal aus einer anderen Perspektive sahen? Auf jeden Fall: Im Unterschied zu meiner Kindheit, wo ich nur nachträglich Segensspuren identifizieren konnte, war es uns jetzt deutlich besser gelungen, gezielt konstruktiv mit einer schweren Situation umzugehen. Diesmal entdeckten wir den daraus entstehenden Segen ziemlich schnell.
Und stellten fest: Man kann es lernen, man kann es für sich in Anspruch nehmen, man kann darin besser werden. Der Kreis, der sich mit dem Lesen von Viktor Frankls Thesen zu Leid geöffnet hatte, begann sich zu schließen. Wir fingen an zu verstehen, dass alles, was uns geschah, tatsächlich für uns geschah. Ein völlig anderer Blickwinkel! Die hohe Kunst besteht darin, auf den noch nicht sichtbaren Segen so fest zu vertrauen, als wäre er bereits erfahrbar. Keine einfache Sichtweise. Sie erfordert alle innere Kraft und Ausdauer. Aber sie eröffnet neue Welten. Eine unsichtbare, aber ungeheuer wirksame Waffe gegen das Aufgeben.
Wie inspirierend, dass jeder Einzelne diese Geheimwaffe auch in seinem und für sein eigenes Leben einsetzen kann!
Der Funke des Überlebens

So rundet sich aus den Geschichten der Bibel, aktuellen historischen Ereignissen und persönlichen Erfahrungen das Bild von der Geheimwaffe, die Israels Männer und Frauen immer wieder einsetzten und die sie stark und auf lange Sicht unbesiegbar machte.
Denn die ganzen Eroberer-Imperien sind gescheitert: Es ist ihnen nicht gelungen, Israel dauerhaft zu vernichten. Auch wenn sie die Juden in alle Welt vertrieben, den Gedanken und die Hoffnung auf eine Wiederkehr konnten sie nicht auslöschen. Denn die Juden erinnern sich jedes Jahr zu Purim daran, wie Gott ihr Schicksal wendete. Zu Passah feiern sie, dass Gott sie aus der Hand des Pharaos und damit von der Weltmacht Ägypten befreite und zu Chanukka, wie er ihnen das Wunder schenkte, dass eine kleine Minderheit das Großreich der Griechen besiegte. Und diese Erinnerungen halten das Feuer der Hoffnung am Leben. Selbst der Massenmord von Millionen Juden konnte die Funken nicht ersticken. Denn es gab immer ein paar, in denen diese Hoffnung weiter glimmte, um dann erst recht aufzulodern. So überlebten sie 2000 Jahre Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung. Nicht umsonst heißt Israels Hymne „Hatikva“, Hoffnung.
Hoffnung in der Dunkelheit
Es ist eine Zeit, die verwirrt. Unrecht scheint überhand zu nehmen. Die Monate des Kampfes haben keinen finalen Sieg gebracht, sondern scheinbar die Anzahl der Feinde vervielfacht. Die internationale Unterstützung wird mit jedem Tag geringer. Wie sich Trumps Präsidentschaft tatsächlich auswirkt, muss sich erst noch zeigen. Es scheint ein Kampf an 100 Fronten zu sein: In den Medien, um die Meinungen, um die Wahrheit. In der Politik, bei den Geiselverhandlungen, in den internationalen Gremien, ebenso wie auf den Straßen vieler Länder, bis hinein in Freundeskreise.
Die Waffenruhe mit der Hisbollah ist brüchig, weil sich diese, nicht wie vereinbart, vollständig hinter den Litani Fluß zurückgezogen hat. Daher verbleiben fünf israelische Militärposten im Südlibanon.
Ägypten, aus dem die Waffen für die Hamas geschmuggelt wurden, verstößt gegen das Friedensabkommen mit Israel und hat Panzer und zigtausende Soldaten auf der Sinai Halbinsel an der Grenze zu Israel zusammengezogen. Der Iran droht mit einem dritten Angriff und die Huthis warten.
Die Hamas demütigt Israel bei jeder Geiselübergabe und zeigt ihr brutales Gesicht einmal mehr. 1904 palästinensische Straftäter, davon 496 wegen Mord und Terror zu lebenslanger Haft Verurteilte werden im Zuge der ersten Phase des Geiseldeals freigelassen – für 33 israelische Geiseln, von denen mindestens 8 nicht mehr leben. Wird das Leben dieser 25 – wie in der Vergangenheit – mit dem Leben von zukünftigen Opfern bezahlt werden, weil viele der 496 entlassenen Kriminellen wieder morden? Das Schicksal der verbleibenden lebenden oder toten Geiseln in Gaza ist noch nicht geklärt.
Und die Terroranschläge in Israel nehmen zu. Am 20. Februar 2025 explodierten 3 Bomben in Bussen. Weitere Bomben – insgesamt mehr als ein Dutzend – wurden in anderen Bussen und in Zügen entdeckt und entschärft. Alle mit Zeitzündern für die gleiche Uhrzeit versehen. Es war ein Wunder, dass alle diese Bomben versehentlich für 9:00 abends statt für 9:00 morgens eingestellt waren. So gab es keine Opfer. In der Hauptverkehrszeit am nächsten Tag wären Hunderte verletzt und getötet worden. Seit über 20 Jahren gab es keine derartigen Anschläge mehr in Israel. Doch in den letzten Wochen wurden palästinensische Häftlinge freigelassen, die während der Intifada Busbomben gelegt hatten. Ein Zufall?
Es ist ein Zermürbungskrieg, der Gemüter aushungert und Seelen verdorren lässt. Ressourcen schwinden, Erschöpfung macht sich breit.
Israel ist in der heutigen Zeit wieder gefordert, seine Geheimwaffe zu aktivieren: Das Wissen, dass alles seinen Sinn hat und inmitten von Leid und von Ausweglosigkeit darauf zu vertrauen, dass Gott trotz Trümmern und Asche, nein – aus Trümmern und Asche etwas Neues, Wunderbares aufbauen kann und dies auch tun wird – zu dem Zeitpunkt seiner Wahl. Und aktiv Ausschau nach diesem Ergebnis zu halten, es mit allen Sinnen zu suchen und mit allen Kräften darauf hinzuarbeiten. Es bedeutet, Gottes Güte, seiner Allmacht und seinen Zusagen mehr zu vertrauen als aller Logik dieser Welt und so zu handeln, als sähe man trotz der Abgründe, Hindernisse und Unmöglichkeiten bereits den zukünftigen Segen.
Das gilt auch für alle, die an Israels Seite stehen. Das gilt auch für uns!
Glauben wir den Medienberichten? Wie schätzen wir die Lage ein? Sind wir bereit aufzugeben? Oder erinnern wir uns an die dunkelsten Stunden der Geschichte und lernen daraus, dass selbst das nicht das Ende war? Dass Gott nie am Ende ist?
Für wie glaubwürdig halten wir die Aussagen der Bibel, dass Gott einen ewigen Bund mit seinem Volk geschlossen hat und dass am Ende ganz Israel gerettet wird?


Wie lange und mit welcher Konsequenz sind wir bereit, an der Seite Israels zu stehen?
Gehören wir zu den Nationen, die sich gegen Israel wenden oder wählen wir, Gerechte der Nationen zu werden, indem wir auch während der härtesten Zeiten weiterhin zu Israel stehen?
Wenn es uns nicht gelingt, auch für uns selbst diese Geheimwaffe zu nutzen, werden wir müde werden, werden wir irgendwann an der scheinbaren Sinn- und Aussichtslosigkeit der Situation verzweifeln. Doch wenn wir es schaffen, in all dem eine Schule, einen Lernprozess zu sehen, der am Ende Israel reifer und stärker werden lässt und es zu einem Licht für alle Nationen macht, werden auch wir zusammen mit Israel erleben, wie genau dies letztendlich wahr wird.
Sacharja sagt in Kapitel 8, 23: „In jener Zeit werden sich zehn Menschen aus den verschiedensten Ländern einem Juden anschließen wollen. Sie werden ihn an seinem Gewand festhalten und bitten: Lass uns doch mit dir gehen, denn wir haben gehört, dass Gott auf eurer Seite ist.“
Es sind nicht alle, es sind nicht viele, aber es hat sie immer gegeben: Die Gerechten der Nationen. Durch die Jahrhunderte, während der Zeit des Holocausts und auch heute. Wählen wir, zu Israel zu stehen? Man kann nicht Gott treu sein und sein Volk ignorieren. Man kann auch nicht behaupten, Gott nachzufolgen und gleichzeitig seinen Augapfel „Israel“ verletzen. Für die, denen die Aussagen des Alten Testaments noch nicht ausreichen, blicken wir zum Abschluss einmal gemeinsam in das Matthäus Evangelium, Kapitel 25. Es geht hier um das Weltgericht – der König wählt die Gerechten aus. Aufgrund welchen Kriteriums? Aufgrund dessen, was sie für seine Brüder getan haben, auch für die geringsten. Ist es wirklich schwer zu verstehen, dass seine Brüder zuallererst sein Volk, die Juden waren und sind?

Die Wahrheit „wer Israel segnet, wird gesegnet“ haben viele von uns schon auf manche Weise erlebt. Doch eine Konsequenz davon ist besonders beeindruckend: die, die zu Israel stehen, stehen damit auch zu Gott und werden zusammen mit Israel sein Volk sein (Sacharja 2, 14-15). Sind wir dabei?
Weitere Artikel von Brigitte B. Nussbächer unter: www.arc-to-israel.org/artikel