Für die Lebenden – Teil 1: Der Holocaust, Auschwitz & Antisemitismus 2025

Von Brigitte Chaya Nussbächer

81 Jahre sind seit den Verbrechen der Nationalsozialisten vergangen. „Nie wieder“ hat die Welt geschworen. Doch 2025 ist viel von der inneren Betroffenheit verblasst und stattdessen hat der Hass gegen Juden einen neuen Höhepunkt erreicht. Warum lernen wir nicht aus der Geschichte?

Auschwitz


Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte, fanden die Soldaten ein Bild des Schreckens und der Verwahrlosung vor. Baracken voller Leichen, Berge von Asche, sowie Beweise des Massenmordes: Gaskammern (teilweise zerstört), Krematorien und riesige Lagerhallen mit geraubtem Eigentum – Kleidung, Schuhe, Brillen, Koffer, abgeschnittenes Frauenhaar …

Rund 7.500 Gefangene befanden sich noch im Lager, in einem Zustand extremer Unterernährung; viele davon schwerkrank, von Typhus, Durchfall oder Tuberkulose gezeichnet, völlig entkräftet oder sterbend. Sie waren zurückgelassen worden, weil sie nicht mehr marschfähig waren. Alle anderen, etwa 58.000 Häftlinge, hatten die SS-Wachmannschaften zwischen dem 17. und 23. Januar in sogenannten „Todesmärschen“ Richtung Westen getrieben. Tausende kamen unterwegs durch Erschöpfung, Kälte oder Erschießungen um. Aber auch von denen, die den Befreiungstag noch erlebten, starben trotz medizinischer Hilfe viele in den Tagen und Wochen danach. Ihre Körper waren nicht mehr imstande Nährstoffe zu verarbeiten, die inneren Organe waren extrem geschwächt, lebensrettende Medikamente waren in den sowjetischen Befreiungsgebieten kaum vorhanden. Und manche gaben sich selbst einfach auf, weil die seelischen Wunden nach all den Qualen und Verlusten zu groß waren.

Auschwitz war nicht das erste Konzentrationslager, das befreit wurde. Seit im Juli 1944 Madjanek von der Roten Armee erreicht wurde, begann das Bild der grauenhaften Verbrechen immer schärfer zu werden. Aber es war der größte Lagerkomplex der NS-Zeit, der Zwangsarbeit und Massenmord in nie dagewesener Dimension kombinierte. In dem Vernichtungslager „Auschwitz Birkenau“ wurden mehr Menschen systematisch und industriell organisiert ermordet als in allen anderen Vernichtungslagern. Es waren über 1,1 Millionen, die aus fast allen von den Nazis besetzten Ländern dahin deportiert wurden. Außerdem leisteten noch rund Hunderttausend in den Arbeitslagern „Auschwitz III Monowitz“ und dem Stammlager unter den härtesten Bedingungen Zwangsarbeit.

Viele der Überlebenden der Arbeitslager berichteten nach dem Krieg über ihre Erlebnisse, wodurch Auschwitz im kollektiven Gedächtnis präsent blieb. Eine davon ist die Künstlerin Ella Liebermann-Shiber, deren Zeichnungen die schreckliche Vergangenheit andeuten: Die Todesschreie aus Gaskammern, aus selbstgeschaufelten Gräbern, die Tränen der kleinen Kinder und die Schreie der Mütter, denen die Kinder aus den Armen gerissen wurden. Sie war 17, als sie befreit wurde.

60 Jahre nach den Verbrechen waren die Überlebenden-Berichte endlich langsam in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gedrungen und wurden diskutiert. Und so wurde die Befreiung von Auschwitz aufgrund der Größe, der Symbolkraft, der internationalen Relevanz als zentrales Erinnerungsdatum und Gedenktag für den Holocaust 2005 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen festgelegt.

Innere Betroffenheit

Ich nehme an, dass Ihnen der Großteil des bis jetzt Gelesenen bekannt war. Wir haben inzwischen viel darüber gehört, gelesen, gesehen. Aber hat die kognitive Erkenntnis zu einer inneren Betroffenheit geführt, hat sie Spuren in unseren Seelen hinterlassen?

Kognitive Erkenntnis oder innere Betroffenheit? Foto Shutterstock

Oder haben wir diese Informationen abgespeichert, wie die, dass sich die Erde um die Sonne dreht – als etwas Abstraktes, das wir als gegeben hinnehmen – das aber unsere Vorstellungskraft übersteigt und uns daher wenig berührt. Was sagt uns die Zahl 1,1 Millionen? Oder 6 Millionen Juden, die während der Schoa ermordet wurden? Sehen wir die Menschen hinter diesen Zahlen mit ihren Schicksalen? Bekommen diese Zahlen Gesichter und Geschichten? Begreifen wir was hier zerstört wurde; können wir das Ausmaß des Leides und des Schmerzes fassen?

Ich kann nur von mir berichten. Jahrzehntelang habe ich unzählige diesbezügliche Informationen gesammelt – doch es war bei der kognitiven Erfassung geblieben. Mit kalter Logik bewertete ich alles, was mich erreichte. Das meiste wurde, ohne weiter darüber nachzudenken mit „schon bekannt“ von mir abgetan.

2018 besuchten wir Yad Vashem in Jerusalem. Hier, in der Halle der Namen bekam ich eine erste Ahnung. Hier umgaben mich Unmengen von Gesichtern ausgelöschter Existenzen. Ebenso in der unterirdischen Kindergedenkstätte, in deren Inneren Spiegel und Kerzen so angeordnet sind, dass sie ein Gefühl unendlicher Lichter erzeugen, während in der Dunkelheit eine monotone Stimme Namen, Alter und Herkunftsland der 1,5 Millionen ermordeten Kinder verliest. Aber es war tatsächlich erst die Auseinandersetzung mit einem individuellen Schicksal, dass bei mir endgültig die Panzerglaswand, die meine Seele umgab, zerschlug – und zwar der Roman von Ellie Midwood „Die Violonistin von Auschwitz“ nach der wahren Geschichte von Alma Rose. Die Musikerin versuchte, Menschen in Auschwitz durch Musik Kraft zu geben und sie vor den Gaskammern zu retten, bis sie selbst keine Kraft mehr zum Leben hatte. Ein schweres, schonungsloses Buch, dass einem das beispiellose Grauen des Alltags in Auschwitz in hunderten Facetten erschreckend nahebringt. Es war nicht leicht zu lesen, erschütternd und ging mir lange nach, aber es war wichtig, um verstehen und mitfühlen zu lernen. Weitere Biographien von Überlebenden gaben dem inneren Bild immer mehr Tiefe.

Um eine Ahnung davon zu bekommen, womit sich Holocaustüberlebende, auch nachdem sie befreit wurden, auseinandersetzen mussten, bitte ich Sie jetzt an einen Menschen zu denken, der Ihnen sehr nahesteht. Erinnern Sie sich an ein paar der wundervollen Momente, die Sie mit ihm zusammen erlebt haben. Denken Sie an all die Fähigkeiten, das Potential dieses Menschen. Fühlen Sie noch einmal ganz bewusst, wie lieb und wertvoll er für Sie ist. Steht diese Person jetzt vor Ihrem inneren Auge? Sehen Sie sie klar und deutlich? Das Leuchten in den Augen, das Lächeln auf dem Gesicht? Umarmen Sie sie in Gedanken!

Jetzt reißt der Film. Auf einmal ist alles Schwarz. Der geliebte Mensch ist fort – für immer; ermordet nur weil er war, wer er war. Sie werden ihn nie wieder lächeln sehen. Er wird Ihnen nie wieder gegenübersitzen, Sie werden ihn nie wieder umarmen. Er wird Ihnen in jedem Detail Ihres Alltags fehlen. Sie werden 1000-mal am Tag an ihn denken, aber nur schmerzhafte Leere umgibt Sie. Und jetzt stellen Sie sich vor, es wäre nicht nur eine Person. Als würden auf diese Weise alle um Sie herum, die Sie lieben und die Ihr Leben bereichern, verschwinden, ausgelöscht durch eine mörderische, vernichtende Hand. Am Ende ist um Sie herum nur noch Finsternis. Kein Leben mehr.

Können Sie das noch fühlen? Oder ist Ihr Herz zu Eis erstarrt? Ahnen Sie etwas von der schneidenden Einsamkeit der Holocaustüberlebenden? Und das ist nur ein Aspekt. Hinzu kommen die furchtbaren Erinnerungen an die Gräuel, die sie täglich mit ansehen und miterleben mussten, die immer wieder im Gedächtnis aufflackern.

Denken wir an die 6 Millionen Ermordeten, an die anderen Millionen, die diese 6 Millionen vermissen und an die Überlebenden nicht wie an Fremde. Denken wir mit Liebe und Betroffenheit an sie, wie Sie gerade eben an die von Ihnen geliebte Person gedacht haben. Erst wenn wir den Verlust und den Schmerz an uns heranlassen, den ihre Ermordung verursacht hat, erhält Gedenken Tiefe. Und während wir das fühlen, erinnern wir uns, dass es Deutschland, unser Land war, dass diesen grauenvollen Feldzug anführte.

Aber schauen wir auch in die jüngere Vergangenheit und gedenken aller Terroropfer (5.247) und Soldaten (25.617), die seit der Staatsgründung Israels ermordet wurden bzw. gefallen sind, weil Israels Existenzrecht nach wie vor bitter umkämpft ist. Insgesamt sind es fast 31.000.

Blumen für die Lebenden

In Israel gibt es am Holocaust-Gedenktag, am Jom HaSchoa, der übrigens hier schon seit 1951 im hebräischen Monat Nisan (ungefähr April) begangen wird, immer zwei Schweigeminuten. Die Sirenen heulen und danach steht das ganze Land still. Die PKWs auf der Autobahn bleiben stehen, jeder unterbricht, was er gerade tut. So ehren die Israelis ihre Toten und beten für die Familien der Opfer. In Yad Vashem werden 6 Fackeln für die 6 Millionen entzündet. Alle Fahnen wehen auf Halbmast.

Blumen als sinnbildliche Geste. Foto privat.

Eine Woche später wird der Jom Hazikaron begangen, der Tag, an dem der gefallenen israelischen Soldaten und der Opfer des Terrorismus gedacht wird. Wieder heulen die Sirenen, wieder werden die Fahnen auf Halbmast gesetzt. Man gedenkt derer, die ihr Leben geopfert haben, damit Israel in Freiheit leben kann. Aber wissen Sie, was in Israel direkt nach diesen beiden Trauer- und Gedenktagen kommt? Der Jom HaAtzmaut, der Tag der Unabhängigkeit. Und an dem Abend, der in Israel den Tageswechsel markiert, geht die Trauer über in die Freude an der Souveränität und am Leben, dem Überleben des jüdischen Volkes.

Während des Holocausts drangen die Worte des Schema Jisrael aus den Gaskammern und aus den Todeslagern. Hunderttausende starben mit diesen Worten auf den Lippen: dem Glaubensbekenntnis der Juden: Höre, oh Israel, der Ewige, unser Gott ist einzig. Ein Gebet, das nicht erhört wurde? Oder war es letzten Endes diese Rückbesinnung auf Gott, dies millionenfach gesprochene Gebet, dass in der geistlichen Welt den Weg zu Gründung des Staates Israel frei machte?

Und so möchten wir, wie die Israelis, auch nicht nur bei dem Gedenken und der Trauer stehen bleiben. Wir möchten nicht nur Kränze auf Gräbern niederlegen, sondern wir möchten das Versprechen „Nie wieder“ konkret einlösen an den Lebenden, den Überlebenden. Indem wir ihnen im übertragenen Sinne Blumen schenken, als Zeichen des Lebens und unserer Solidarität. Indem wir zu ihnen stehen. Dies soll unser Motto im Januar 2026 sein.

Die Spirale der Geschichte

Denn viel zu häufig kann man beobachten, dass während mit ernster Miene Kränze für die toten Juden niedergelegt werden, die lebendigen Juden, die Israelis und Israel von genau den gleichen Personen verurteilt und sanktioniert werden.

Warum lernen wir nicht aus der Geschichte? Foto Shutterstock

Und es geht hier nicht darum, alles, was ein Jude oder Israel tut, blind gut zu heißen. Aber es geht darum, nicht bei allem, was ein Jude oder Israel tut, negative Absichten zu unterstellen, mit zweierlei Maß zu messen und von vornherein davon auszugehen, dass Israel sich schuldig gemacht hat.

Es ist so erschreckend in diesen Tagen zu beobachten, wie viele das Erbe der judenfeindlichen Propaganda aus der Zeit der Nationalsozialisten weiterführen. Wie sie sich selbst in der Ferne zu Richtern ernennen und Strafen verhängen, ohne etwas aus der Geschichte gelernt zu haben, mit einer fatalen Unkenntnis der Lage vor Ort, dafür aber mit besserwisserischer Selbstgerechtigkeit, arroganter Überheblichkeit und doppelter Moral.

Wie sie ausblenden, wozu genau diese Haltung in der Vergangenheit geführt hat.

Im Mittelalter wurde den Juden vorgeworfen, dass sie Brunnen vergiften und Kleinkinder opfern würden. Die Konsequenz war, dass Juden verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Die Pogrome des Mittelalters waren mehr als brutal. Heute weiß man, dass nichts von den Vorwürfen wahr war. Doch was nutzt es denen, die damals zu leiden hatten?

In der Zeit der Nationalsozialisten wurde den Juden vorgeworfen, geheime Pläne zu hegen, die Weltherrschaft übernehmen zu wollen – auf Kosten der Nationalstaaten. Der Stürmer und andere Publikationen berichteten jede Woche darüber. 6 Millionen Juden wurden von den Nazis mit mindestens passiver Beihilfe anderer Staaten für dies unterstellte Verbrechen hingerichtet: erschossen in Massengräbern, vergast und verbrannt. 15 Jahre später war klar, dass es für den Vorwurf keine Grundlage gab. Doch welchen Wert hatte diese Erkenntnis für die 6 Millionen, die nicht mehr lebten?

Seit dem 29. Dezember 2023 wird Israel vorgeworfen, einen Genozid in Gaza zu verüben. Zunächst von Südafrika, danach von immer mehr Staaten. Fast die ganze Welt verurteilt Israel wegen sogenannter humanitärer Verbrechen. Die Tagesschau und andere Medien berichten jede Woche darüber. „Erstaunlicherweise“ ist die Bevölkerung in Gaza trotz allem nicht zu leugnenden Leid nicht geschrumpft, was die normale Folge eines Genozides wäre. In 20 Jahren, wenn unabhängige Untersuchungen stattfinden konnten, wird es klar sein, dass auch dieser Vorwurf haltlos war. Doch was bringt diese Erkenntnis dann?

Werden wir wieder jahrzehntelang unserer Reue in vielen Worten (und weniger Taten) Ausdruck geben? Werden wir erneut „Nie wieder“ schwören – nur um bei der nächsten Gelegenheit abermals zu verurteilen?

Antisemitismus ist per Definition die Haltung, die Juden negative Eigenschaften und Taten unterstellt, um ihre Abwertung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Verurteilung zu rechtfertigen. Er beginnt nicht mit Taten. Er beginnt mit Gedanken, mit der Bereitschaft negative Berichterstattung ungeprüft zu glauben. Und er führt, falls niemand sich ihm in den Weg stellt, zu grauenhaften Verbrechen.

Antisemitismus 2025

Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich Antisemitismus (oder präziser gesagt Judenhass) rasant ausgebreitet. Die traurige Wahrheit ist allerdings, dass er nie verschwunden war. Auch in Deutschland nicht. Es gibt zu dem Thema eine 2018 erschienene Analyse des bekannten Publizisten Arye Sharuz Shalicar mit dem Namen „Der neudeutsche Antisemit“. Der Autor ist als iranischer Jude in Berlin aufgewachsen. Er identifiziert Ansätze von Antisemitismus quer durch alle Gesellschaftsklassen und politischen Parteien. Ein Buch, das sehr nachdenklich stimmt. Erschreckend und ernüchternd.

BDS – Seit über 20 Jahren aktiv gegen Israel. Foto Shutterstock

Weltweit gibt es seit 2005 eine transnationale politische Kampagne „Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen“, abgekürzt BDS, die den Staat Israel wirtschaftlich, kulturell und politisch isolieren will. Unterstützer gibt es in Europa, Kanada und den USA. Führende BDS-Vertreter bestreiten offen das Existenzrecht Israels und das Ziel dieser Organisation ist das Ende des israelischen Staates.

Kulturboykotte drängen Personen und Ensembles aus Drittländern zu Absagen ihrer Auftritte in Israel oder schließen Israel aus. Ich erinnere an die heißen Diskussionen, dass Israel beim ESC nicht zugelassen werden soll, beginnend 2024 bis heute; oder die Ausladung der Münchner Philharmoniker beim Flanders-Festival 2025, nur weil ihr Dirigent Lahav Shavi in Israel geboren wurde. Auch das Konzert von Robin Williams in Istanbul im letzten Herbst wurde gestrichen – weil seine Frau Jüdin ist. Europäische Universitäten sagten Veranstaltungen mit israelischen Referenten ab, setzten Kooperationsverträge oder Rahmenvereinbarungen mit bestimmten israelischen Universitäten aus oder suspendierten sie. Das Fahrradrennen Vuelta a Espana 2025 wurde wegen antiisraelischer Proteste unterbrochen. Israel wurde von der internationalen Touristikmesse in Rimini, Italien oder der Internationalen Messe für Verteidigung und Sicherheit in Madrid, Spanien ausgeschlossen, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Investitionsabzüge, zum Beispiel durch den Verkauf von Aktienanteilen, richten sich gegen Unternehmen, Organisationen und Projekte, die auf irgendeine Art in Israel investieren und natürlich gegen Israel selber. Im Sommer 2025 verkaufte zum Beispiel der norwegische Staatsfonds seine Anteile an israelischen Firmen und beendete externe Asset-Management-Verträge in Israel. In Großbritannien und bei Gewerkschaften/Universitätsgremien wurden mehrere Beschlüsse gefasst, öffentliche Gelder nicht mehr in bestimmte Firmen bzw. in israelische Staatsanleihen zu investieren.

UN-Abstimmung in der Generalversammlung. Foto Shutterstock

UN-Resolutionen verurteilen Israel seit Jahren häufiger als alle Diktaturen dieser Welt zusammen. Kein anderes Land steht so oft am Pranger. Dafür sorgt der ständige Tagesordnungspunkt 7 im Menschenrechtsrat, der sich ausschließlich mit der „Menschenrechtssituation in Palästina und anderen besetzten arabischen Gebieten“ beschäftigt.

Unabhängig davon, ob es darum geht, dass Israel den in Argentinien untergetauchten Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann 1960 nach Israel geschmuggelt hat, um ihn vor ein Gericht zu stellen – oder ob es um das Recht Israels geht, sich gegen die Bedrohung terroristischer Organisationen zu verteidigen, es finden sich immer wieder Zweidrittelmehrheiten von den 193 Staaten, die Israel verurteilen.

Demonstrationen, in denen ein palästinensischer Staat „from the river to the sea“ sprich vom Jordan bis zum Mittelmeer, gefordert wird, also nicht neben, sondern statt Israel, finden ungestraft in europäischen Hauptstädten und an amerikanischen Universitäten statt. Dabei kamen 2025 Hunderttausende zusammen: 225.000 in Sydney im August, 100.000 im September in Berlin, und im Oktober 250.000 in Amsterdam, 300.000 in Rom.

Weltweite Israel-feindliche Demonstrationen. Foto Shutterstock

Die Anzahl der antisemitischen Vorfälle steigt seit dem 7. Oktober kometenhaft (in Deutschland etwa 80 % im Vergleich zu 2023). Allein in Berlin wurden innerhalb von 6 Monaten über 1500 judenfeindliche Handlungen verzeichnet. Die ersten Läden und Lokale hängen im Herbst 2025 wieder Schilder mit „Juden verboten“ auf. Weltweit sind diese Vorfälle, die von Gewalt, Sachbeschädigung, Besetzungen bis hin zu Morden reichen, auf dem höchsten Stand seit dem 2. Weltkrieg.

Und das ist nicht zuletzt den allgemeinen Medien zu verdanken. Denn viele übernehmen Zahlen und Narrative direkt von der Hamas und der Hisbollah, als ob Terrororganisationen vertrauenswürdige Informationsquellen wären. Der übliche Satz nach solchen Darstellungen, dass diese Daten nicht überprüft werden können, ist eine perfide Methode, sich als objektiver Berichterstatter zu positionieren. Das Gift dieser einseitigen, unvollständigen und teilweise schlichtweg nichtzutreffenden Inhalte, die täglich Millionen erreichen, breitet sich in den Gedankenwelten aus. Israel wird als Aggressor diffamiert, Vorgeschichte und Kontext von Aktionen werden weggelassen. Wer sich in dieser Zeit nicht proaktiv und eigenverantwortlich aus unterschiedlichen Quellen informiert, wird daher fast zwangsläufig zum Israelkritiker.

Waffenembargos gegen Israel wurden von der Türkei, Saudi-Arabien, Brasilien, Algerien, China, Iran, Russland gefordert und von Slowenien und Spanien verhängt. Frankreich rief zu einem europäischen Waffenembargo auf und auch die deutschen Regierungen der letzten Jahre haben zwar viel versprochen aber deutlich weniger geliefert. Und das, während Israel sich in einem Vielfrontenkrieg gegen die Hamas im Gazastreifen, gegen die Hisbollah im Libanon, gegen die Huthis im Jemen und gegen den Iran verteidigt hat, um nur die zu nennen, die in den letzten beiden Jahren regelmäßige und heftige Angriffe auf Israel durchgeführt haben. Hinzukamen paramilitärische, vom Iran finanzierte, Milizen im Irak & Syrien und die Terrorangriffe in Judäa und Samaria.

Im Januar letzten Jahres habe ich einen Artikel veröffentlicht „500 TAGE! Die Entwicklung der Haltung der Weltöffentlichkeit seit dem 7. Oktober 2023“, der chronologisch die Ereignisse verfolgt und die immer größere Distanzierung der Welt zu Israel aufzeigt.

Am 29. Dezember 2023 schon reichte Südafrika beim Internationalen Gerichtshof der UN in Den Haag (IGH) eine Klage gegen Israel wegen „Völkermord gegen die palästinensische Bevölkerung im Gazastreifen“ ein. Chile, Kolumbien, Libyen, Mexiko, Nicaragua, Palästina, Spanien und die Türkei schlossen sich der Klage an.

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Foto Shutterstock

Sowohl die Beweise, die Israel seither bezüglich der ergriffenen Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung vorlegte, sowie die Nachweise der großen Menge der Hilfsgüter, die nach Gaza gebracht wurden, werden ignoriert.

Im November 2024 wurden Haftbefehle gegen Israels Premierminister Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Gallant erlassen, wie der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), Karim Khan, beantragt hatte. Damit wird ein demokratisch gewählter Premierminister, der sein Land über ein Jahrzehnt zu nie dagewesener Blüte führte, mit einem weltweit gesuchten Terroristen und Verbrecher gleichgestellt, für den Millionen an Kopfgeld geboten werden.

Karim Khan. Foto Shutterstock

Am 28. Mai 2024 anerkannten Norwegen, Spanien und Irland einen palästinensischen Staat ohne Israels Zustimmung. Im September 2025 folgten Großbritannien, Frankreich, Kanada, Australien, Portugal, Malta, Monaco, Belgien, Luxemburg, San Marino und Andorra.

Israel, dass im Oktober 2025 immer noch um die Befreiung von 48 Geiseln gekämpft hat, die über 700 Tage in der Gewalt der Hamas gelitten haben, ist weltweit ähnlich isoliert wie das jüdische Volk während des Holocausts.

Es gibt 2026, 81 Jahre nach dem Ende des Holocausts keinen Grund, stolz zu behaupten, man hätte den Antisemitismus überwunden. Stattdessen muss man sich betroffen fragen, wie es sein kann, dass die Verurteilung und Ausgrenzung von Juden weltweit gefeiert wird, während die letzten Zeitzeugen der Schoa noch unter uns weilen. Wenn man heute angesichts der aktuellen Ereignisse das fassungslose Entsetzen der Holocaustüberlebenden mitbekommt, versteht man erst, wie sehr die Welt dieses Volk ein zweites Mal im Stich gelassen hat und an ihm schuldig wird.

Es würde diesen Artikel sprengen auf den Ursprung und die Hintergründe dieses Hasses einzugehen, der sich durch die Jahrtausende zieht. Doch es gibt ein exzellentes Buch dazu: „Holocaust – Die Geschichte von Hass und Verfolgung gegen Gottes Volk“ von Susanna Kokkonen. Ich kenne kein anderes Werk, dass bei diesem Thema so in die Tiefe geht. Die Autorin verbindet dabei die biblische mit der historischen Perspektive und geht der Feindschaft gegen Juden bis in die biblischen Anfänge und in die ersten Jahre des Christentums nach. Ein Buch, bei dem einem die Schuppen von den Augen fallen und man erkennt, wie tief antisemitische Muster in unserem Denken, unseren Kulturen bis hinein in christliche Kreise verwurzelt sind – und einem hilft diese abzulegen. Dieses Buch ist ein MUSS!

Wenn man in die Geschichte der letzten 2000 Jahre blickt, erscheint der Kampf gegen Judenhass hoffnungslos. Und dennoch gab es durch die Jahrhunderte immer auch Lichtblicke und vor allem Hoffnungsträger: die Männer und Frauen, die außergewöhnlichen Mut an den Tag legten, um menschliche Werte hochzuhalten und die sich für das jüdische Volk einsetzten: Die Freunde Zions, die Gerechten der Nationen.

Lesen Sie weiter in Teil 2.

Copyright © Brigitte Chaya Nussbächer
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